Wenn Ruhe nicht ausreicht

Das Szenario ist häufig: Schmerzen an einer Sehne treten auf, man geht von einer Sehnenentzündung aus, reduziert die Belastung und nimmt manchmal ein entzündungshemmendes Medikament. Dennoch sind die Schmerzen mehrere Wochen später noch vorhanden oder kehren zurück, sobald die Aktivität wieder aufgenommen wird.

Dieser Unterschied zwischen dem, was man bei einer klassischen akuten Entzündungsreaktion erwarten würde, die sich durch Ruhe normalerweise bessert, und dem tatsächlichen Verlauf anhaltender Sehnenschmerzen verdient eine genauere Erklärung.

Warum "Sehnenentzündung" nicht ganz der richtige Begriff ist

Die Endung "-itis" bezeichnet normalerweise eine Entzündung, wie beispielsweise bei Hepatitis. Bei einer akuten Verletzung oder Überlastung einer Sehne kann tatsächlich eine Entzündungsreaktion auftreten, insbesondere nach einer plötzlichen oder ungewohnten Belastung.

Wenn sich die Schmerzen jedoch festsetzen und über mehrere Wochen bestehen bleiben, zeigt sich in der Regel ein anderes und komplexeres Bild als eine einfach fortbestehende Entzündung. Kollagenfasern können dünner und ungeordneter werden, die Matrix der Sehne verändert sich, und entzündliche Botenstoffe können weiterhin eine Rolle spielen, ohne dass es sich um eine klassische akute Entzündung handelt, die unverändert fortbesteht.

Man spricht dann von einer Tendinopathie, teilweise auch von einer Tendinose: einer Erkrankung, bei der strukturelle Veränderungen der Sehne einen wichtigen Teil des Gesamtbildes darstellen und nicht lediglich eine akute Entzündung über längere Zeit fortbesteht.

Dies ist auch einer der Gründe, weshalb entzündungshemmende Medikamente allein keine vollständige Antwort auf eine chronische Tendinopathie darstellen. Sie können die Beschwerden kurzfristig lindern, ersetzen jedoch nicht den schrittweisen Aufbau der Belastbarkeit der Sehne.

Was tatsächlich in der Sehne geschieht

Mehrere Mechanismen tragen zu einer chronischen Tendinopathie bei.

Wird eine Sehne wiederholt belastet, versucht sie, sich an diese Belastung anzupassen. Bei manchen Menschen funktioniert dieser Anpassungsprozess nicht ausreichend. Anstatt belastbarer zu werden, sammeln sich Veränderungen im Gewebe an, weil es sich zwischen den Belastungen nicht vollständig erholt.

In betroffenen Bereichen der Sehne können zudem neue Blutgefässe und Nervenfasern entstehen. Dieses Phänomen scheint zur Entstehung der wahrgenommenen Schmerzen beizutragen.

Das Alter, eine unzureichende Erholung zwischen Belastungen und bei manchen Menschen auch allgemeinere metabolische Faktoren können beeinflussen, wie gut sich eine Sehne an Belastungen anpasst und regeneriert. Wie bei anderen länger anhaltenden Schmerzen können auch Faktoren wie Stress oder Schlafqualität die Schmerzempfindlichkeit beeinflussen, ohne selbst die Ursache des Sehnenproblems zu sein.

Wie ich anhaltende Sehnenschmerzen beurteile

In meiner Praxis betrachte ich bei anhaltenden Sehnenschmerzen nicht nur die Sehne selbst. Die Belastung durch Training oder andere Aktivitäten in der letzten Zeit, Schlaf und Erholung, der allgemeine entzündliche Kontext und gegebenenfalls Ernährungsfaktoren gehören zu den Aspekten, die ich zusätzlich zur Untersuchung der betroffenen Sehne berücksichtige.

Was tatsächlich hilft

Die Standardbehandlung einer chronischen Tendinopathie basiert auf einer schrittweisen Wiederbelastung der Sehne, in der Regel durch spezifische Übungen, die an die individuelle Schmerztoleranz angepasst werden, statt auf vollständiger Ruhe. Vollständige Schonung führt langfristig nur selten zu einer Lösung und kann die Anpassung der Sehne verzögern.

Das bedeutet nicht, dass das Training wie zuvor fortgesetzt werden sollte. Ziel ist es, die Belastung der betroffenen Sehne anzupassen, nicht die Person vollständig ruhigzustellen. Eine alternative Aktivität, die Kreislauf und allgemeine körperliche Kondition erhält, ist häufig Teil der Erholungsphase.

Wann ist eine Abklärung sinnvoll?

Sehnenschmerzen, die trotz Ruhe über mehrere Wochen bestehen bleiben, bei Wiederaufnahme der Aktivität regelmässig zurückkehren oder sich verschlimmern, sollten abgeklärt werden. So kann die Behandlung angepasst werden, anstatt lediglich weiter darauf zu warten, dass die Beschwerden von selbst verschwinden.

Quellen und weiterführende Informationen

Diese Quellen bieten weiterführende Informationen zu den oben beschriebenen Mechanismen.

Häufig gestellte Fragen

Sind Sehnenentzündung und Tendinopathie dasselbe?

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe häufig synonym verwendet. Hinsichtlich der zugrunde liegenden Mechanismen geht eine akute Sehnenentzündung mit einer echten Entzündungsreaktion einher, während eine chronische Tendinopathie vor allem durch strukturelle Veränderungen der Sehne gekennzeichnet ist. Dabei kann weiterhin eine entzündliche Komponente beteiligt sein, die sich jedoch von einer klassischen akuten Entzündung unterscheidet.

Muss ich Sport oder körperliche Aktivität vollständig einstellen?

Nicht unbedingt. Entscheidend ist vor allem, die Belastung der betroffenen Sehne zu reduzieren und anzupassen, statt jegliche Aktivität einzustellen. Während der Erholungsphase wird häufig eine alternative Form der Bewegung empfohlen.

Sind entzündungshemmende Medikamente sinnvoll?

Sie können die Schmerzen kurzfristig lindern, insbesondere während einer akuteren Phase. Sobald sich eine Tendinopathie etabliert hat, ist ihre Wirkung jedoch häufig begrenzt. Eine insbesondere längerfristige Anwendung sollte mit einem Arzt oder Apotheker besprochen werden.

Wie lange braucht eine Sehne zur Heilung?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von der betroffenen Sehne, der bisherigen Dauer der Beschwerden und der individuellen Reaktion ab. Chronische Tendinopathien benötigen in der Regel mehr Zeit zur Besserung als eine kürzlich aufgetretene akute Sehnenproblematik.

Was passiert in Ihrem konkreten Fall?

Dieser Artikel beschreibt allgemeine Mechanismen. Um zu verstehen, was Ihre Sehnenschmerzen im konkreten Fall aufrechterhält, braucht es eine Untersuchung und ein persönliches Gespräch statt einer allgemeinen Antwort.

Beratung anfragen