Was bedeuten «normale Blutwerte» eigentlich?
Laborwerte werden in der Regel anhand von Referenzintervallen beurteilt. Diese helfen dabei, ungewöhnlich hohe oder niedrige Werte im Vergleich mit einer geeigneten Referenzpopulation und im Kontext der jeweiligen Untersuchung zu erkennen.
Ein Wert innerhalb des Referenzbereichs ist häufig beruhigend.
Aber «normal» braucht Kontext.
Erstens bezieht sich das Ergebnis nur auf die Werte, die tatsächlich untersucht wurden. Ein normales Blutbild sagt zum Beispiel nichts darüber aus, ob jemand an einer obstruktiven Schlafapnoe leidet. Ein normaler Schilddrüsenwert beantwortet nicht die Frage, ob die Müdigkeit einem postinfektiösen Muster folgt.
Zweitens beantworten unterschiedliche Laborwerte unterschiedliche Fragen. Das Hämoglobin zeigt, ob eine Anämie vorliegt. Ferritin liefert Informationen über die Eisenspeicher. Diese Fragen hängen zusammen, sind aber nicht identisch.
Drittens müssen Laborwerte zusammen mit den Beschwerden, der Krankengeschichte, Medikamenten, Ernährung, Schlaf, körperlicher Aktivität und anderen klinischen Befunden beurteilt werden.
Das bedeutet nicht, dass Referenzbereiche durch willkürliche «optimale» Werte ersetzt werden sollten. Ein Wert im unteren oder oberen Bereich der Norm bedeutet auch nicht automatisch, dass eine Erkrankung vorliegt.
Laborwerte sind ein Teil der klinischen Beurteilung, nicht die gesamte Beurteilung.
Welche Blutwerte sind bei Müdigkeit wichtig?
Es gibt kein einziges Laborprofil, das für jede Person mit Müdigkeit geeignet ist.
Die erste Abklärung hängt unter anderem vom Alter, der medizinischen Vorgeschichte, den Symptomen, Medikamenten, der Menstruationsgeschichte, wenn relevant, der Ernährung, kürzlich durchgemachten Infektionen und den Befunden der klinischen Untersuchung ab.
Je nach Situation können zur ersten medizinischen Abklärung gehören:
- ein vollständiges Blutbild
- der Eisenstatus
- die Schilddrüsenfunktion
- Blutzucker oder HbA1c
- Nieren- und Leberfunktion
- Entzündungsmarker
- Vitamin B12 und Folat, wenn angezeigt
- eine Abklärung auf Zöliakie, wenn das klinische Bild dafür spricht
- weitere Untersuchungen entsprechend der individuellen Krankengeschichte
Diese Untersuchungen sind sinnvoll, weil sie häufige und medizinisch wichtige Ursachen von Müdigkeit erkennen können.
Anhaltende Müdigkeit ist jedoch umfassender als ein Laborprofil.
Müdigkeit ist nicht immer dasselbe Symptom
Eine der hilfreichsten Fragen ist überraschend einfach:
Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen, dass Sie müde sind?
Menschen verwenden das Wort Müdigkeit für sehr unterschiedliche Erfahrungen.
Eine Person fühlt sich den ganzen Tag schläfrig und könnte einschlafen, sobald sie sich hinsetzt. Eine andere ist geistig wach, aber körperlich erschöpft. Jemand anderes funktioniert zunächst relativ gut, erlebt aber später am selben Tag oder am folgenden Tag nach körperlicher Aktivität eine deutliche Verschlechterung.
Es ist hilfreich, zwischen folgenden Mustern zu unterscheiden:
- allgemeine körperliche Erschöpfung
- übermässige Tagesschläfrigkeit
- Muskelschwäche
- verminderte Belastbarkeit
- kognitive Müdigkeit oder Brain Fog
- nicht erholsamer Schlaf
- verlängerte Erholung nach Belastung
- verzögerte Verschlechterung der Beschwerden nach Aktivität
Diese Muster führen zu unterschiedlichen diagnostischen Fragen.
Wer tagsüber wiederholt einschläft, braucht eine andere Abklärung als jemand, dessen Beschwerden sich 24 Stunden nach körperlicher Aktivität deutlich verschlechtern.
Deshalb löst ein noch grösseres Blutbild eine ungeklärte Müdigkeit nicht automatisch.
Eisenmangel kann auch ohne Anämie bestehen
Eisen ist eines der wichtigsten Beispiele dafür, warum es sinnvoll sein kann, die tatsächlichen Laborwerte genauer anzusehen.
Anämie und Eisenmangel sind nicht dasselbe.
Das Hämoglobin kann innerhalb des Referenzbereichs liegen, während die Eisenspeicher bereits reduziert sind. Dies wird häufig als Eisenmangel ohne Anämie bezeichnet.
Ferritin wird häufig zur Beurteilung der Eisenspeicher verwendet. Weitere Werte wie die Transferrinsättigung können im passenden klinischen Kontext zusätzliche Informationen liefern. Ferritin muss ebenfalls im Zusammenhang beurteilt werden, da es bei Entzündungen ansteigen kann und dann die Eisenspeicher nicht immer direkt widerspiegelt.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Müdigkeit auch bei Menschen mit Eisenmangel ohne Anämie auftreten kann.
Randomisierte Untersuchungen, darunter eine Studie aus der Schweiz, zeigten bei nicht anämischen Frauen mit niedrigen oder grenzwertigen Eisenspeichern eine Verringerung der Müdigkeit nach einer Eisenbehandlung. Eine systematische Auswertung randomisierter Studien fand ebenfalls eine Abnahme der subjektiv empfundenen Müdigkeit bei Menschen mit Eisenmangel ohne Anämie.
Das bedeutet nicht, dass jede müde Person Eisen einnehmen sollte.
Wenn die Eisenspeicher niedrig sind, ist auch die Ursache wichtig.
Mögliche Gründe sind:
- Blutverlust durch die Menstruation
- gastrointestinale Blutverluste
- zu geringe Eisenzufuhr über die Ernährung
- erhöhter Bedarf
- Malabsorption
- Schwangerschaft
- häufige Blutspenden
- Ausdauertraining bei manchen Personen
Eine Mangelerscheinung zu behandeln, ohne ihre Ursache zu untersuchen, kann dazu führen, dass die wichtigere klinische Frage übersehen wird.
Auch Vitamin B12 und Folat brauchen Kontext
Ein Vitamin-B12-Mangel kann Müdigkeit, kognitive Beschwerden und neurologische Symptome verursachen. Eine Anämie muss dabei nicht vorhanden sein.
Die aktuellen NICE-Empfehlungen weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein Vitamin-B12-Mangel nicht allein aufgrund des Fehlens einer Anämie oder vergrösserter roter Blutkörperchen ausgeschlossen werden sollte.
Für die erste Untersuchung wird normalerweise Gesamt-B12 oder aktives B12 verwendet. Wenn das Ergebnis unklar ist und Symptome oder Risikofaktoren dafür sprechen, kann eine zusätzliche Untersuchung wie Methylmalonsäure zur Klärung beitragen. Homocystein kann in bestimmten Situationen ebenfalls zusätzliche Informationen liefern, wird jedoch auch von anderen Faktoren als Vitamin B12 beeinflusst.
Zu den Risikofaktoren für einen Vitamin-B12-Mangel gehören Erkrankungen oder Operationen des Magen-Darm-Trakts, autoimmune Gastritis, stark eingeschränkte Ernährungsformen und bestimmte Medikamente, darunter Metformin und Protonenpumpenhemmer.
Auch dies ist ein gutes Beispiel für gezielte Abklärung.
Die Frage ist nicht, ob jede müde Person eine umfangreiche Untersuchung des B12-Stoffwechsels benötigt. Entscheidend ist, ob Symptome, Vorgeschichte und erste Laborwerte einen Grund für weitere Untersuchungen ergeben.
Was ist mit Vitamin D und anderen Mikronährstoffen?
Der Mikronährstoffstatus kann relevant sein, insbesondere wenn die Vorgeschichte auf eine unzureichende Zufuhr, einen erhöhten Bedarf, Malabsorption oder einen bekannten Mangel hinweist.
Vitamin D ist ein gutes Beispiel dafür, warum der Kontext wichtig ist.
Müdigkeit ist ein unspezifisches Symptom und ein Vitamin-D-Mangel sollte nicht automatisch als Ursache angenommen werden. In einer placebokontrollierten Studie bei ansonsten gesunden Personen mit Müdigkeit und nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel verbesserte sich die Müdigkeit nach Vitamin-D-Behandlung jedoch stärker als unter Placebo.
Das spricht dafür, einen tatsächlichen Mangel zu korrigieren. Es bedeutet nicht, dass jede ungeklärte Müdigkeit mit Vitamin D behandelt werden sollte.
Das gleiche Prinzip gilt allgemein für die Mikronutrition:
Zuerst eine klinisch relevante Frage identifizieren und danach gezielt untersuchen oder behandeln.
Kann die Schilddrüse trotzdem relevant sein?
Eine Schilddrüsenunterfunktion kann Müdigkeit, Energiemangel, verlangsamtes Denken, Kälteempfindlichkeit, Verstopfung, Gewichtsveränderungen und weitere Beschwerden verursachen.
Bei den meisten Erwachsenen mit Verdacht auf eine primäre Schilddrüsenstörung ist TSH der übliche Ausgangspunkt. Je nach TSH-Wert und klinischem Kontext werden freies T4 und gegebenenfalls weitere Untersuchungen ergänzt.
Mehr Schilddrüsenwerte sind nicht automatisch besser.
Wichtig ist jedoch, welche Untersuchungen tatsächlich durchgeführt wurden. Eine sekundäre Schilddrüsenstörung erfordert beispielsweise eine andere Interpretation als eine typische primäre Hypothyreose. Bestimmte klinische Situationen können deshalb weitere Abklärungen rechtfertigen.
Auch Nahrungsergänzungsmittel können eine Rolle spielen. Hoch dosiertes Biotin kann manche Schilddrüsen-Labortests beeinflussen und irreführende Ergebnisse verursachen.
Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht einfach:
«War meine Schilddrüse normal?»
Sondern:
«Welche Schilddrüsenwerte wurden untersucht, wie waren die Ergebnisse und passen sie zum klinischen Bild?»
Veränderungen der Glukoseregulation können ebenfalls zu Müdigkeit, Energiemangel und Konzentrationsproblemen beitragen.
Je nach klinischer Situation können Nüchternglukose und HbA1c helfen, Diabetes oder Prädiabetes zu erkennen.
Auch Beschwerden im Zusammenhang mit Mahlzeiten können relevant sein, insbesondere wenn Müdigkeit zusammen mit Zittern, Schwitzen, Hunger oder anderen wiederkehrenden Symptomen auftritt.
Es geht dabei nicht darum, jede Energieschwankung zu einer Störung des Blutzuckers zu erklären oder jede müde Person mit einem kontinuierlichen Glukosemessgerät auszustatten.
Das Muster der Beschwerden entscheidet darüber, ob eine weitergehende metabolische Abklärung sinnvoll ist.
Einige wichtige Ursachen von Müdigkeit erscheinen nicht in einem Standard-Bluttest
Schlafprobleme
Eine Person kann acht Stunden im Bett verbringen und trotzdem schlecht schlafen.
Insomnie, unterbrochener Schlaf, Restless-Legs-Syndrom, Störungen des zirkadianen Rhythmus, Alkohol, Medikamente und schlafbezogene Atemstörungen können dazu führen, dass man sich tagsüber erschöpft fühlt.
Die obstruktive Schlafapnoe ist besonders wichtig, weil sie durch ein routinemässiges Blutbild nicht diagnostiziert wird.
Hinweise können sein:
- lautes Schnarchen
- beobachtete Atempausen
- Erstickungs- oder Luftnotgefühl im Schlaf
- Kopfschmerzen am Morgen
- nicht erholsamer Schlaf
- häufiges Erwachen
- ausgeprägte Tagesschläfrigkeit
- Müdigkeit
- Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme
- wiederholtes nächtliches Wasserlassen
Wenn die Vorgeschichte auf Schlafapnoe hinweist, ist eine schlafbezogene Abklärung sinnvoller als ein weiteres Mikronährstoffprofil.
Medikamente und Substanzen
Auch Medikamente können eine leicht übersehene Ursache sein.
Sedierende Antihistaminika, Benzodiazepine und andere angstlösende Medikamente, bestimmte Antidepressiva, einige Schmerzmittel und manche Herz-Kreislauf-Medikamente können bei einzelnen Personen Müdigkeit verstärken.
Alkohol kann die Schlafqualität beeinträchtigen, auch wenn er das Einschlafen zunächst erleichtert.
Das bedeutet nicht, dass verordnete Medikamente einfach abgesetzt werden sollten. Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel sollten jedoch Teil der Gesamtbeurteilung sein.
Perimenopause, Menopause und Menstruation
Müdigkeit während der Perimenopause oder Menopause kann durch mehrere sich überlagernde Faktoren entstehen.
Hitzewallungen oder Nachtschweiss können den Schlaf stören. Stimmung und Konzentration können sich verändern. In früheren Phasen der hormonellen Umstellung können starke oder unregelmässige Blutungen zur Entleerung der Eisenspeicher beitragen.
Eine sinnvolle Beurteilung ist deshalb umfassender als lediglich eine Messung von «Hormonen».
Können Verdauungsprobleme Müdigkeit verursachen?
Ja, wenn ein klinisch relevanter Zusammenhang besteht.
Bestimmte Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts können die Aufnahme von Nährstoffen beeinträchtigen oder systemische Beschwerden verursachen.
Zöliakie ist ein wichtiges Beispiel. Leitlinien empfehlen, eine Untersuchung bei länger anhaltender Müdigkeit und bei ungeklärtem Eisen-, B12- oder Folatmangel zu erwägen. Verdauungsbeschwerden können vorhanden sein, müssen aber nicht zwingend auftreten.
Weitere Situationen sind:
- chronisch entzündliche Darmerkrankungen
- chronischer Durchfall
- frühere Operationen am Magen-Darm-Trakt
- ausgeprägte Malabsorption
- stark eingeschränkte Ernährungsformen
- anhaltende Verdauungsbeschwerden zusammen mit Nährstoffmängeln
Das ist etwas anderes als die Annahme, jede ungeklärte Müdigkeit werde durch ein unspezifisches «Darmungleichgewicht» verursacht.
Wann können Stuhluntersuchungen sinnvoll sein?
Stuhluntersuchungen gehören nicht automatisch zur Abklärung jeder Müdigkeit.
Sie werden relevanter, wenn die Krankengeschichte eine konkrete gastrointestinale Frage aufwirft.
Fäkales Calprotectin ist beispielsweise ein etablierter Marker, der bei passenden gastrointestinalen Beschwerden helfen kann, entzündliche Darmerkrankungen von nicht entzündlichen Störungen zu unterscheiden.
Andere Stuhluntersuchungen können bei anderen gezielten klinischen Fragen sinnvoll sein.
Am Centre Algos verwenden wir Stuhluntersuchungen deshalb nicht einfach, weil jemand müde ist. Wir ziehen sie in Betracht, wenn Müdigkeit, Verdauungsbeschwerden, Vorgeschichte oder andere Befunde einen konkreten Grund ergeben, die gastrointestinale Gesundheit genauer zu untersuchen.
Chronische Schmerzen können erschöpfen
Anhaltende Schmerzen und Müdigkeit treten häufig gemeinsam auf.
Schmerzen können den Schlaf unterbrechen, viel Aufmerksamkeit beanspruchen, die körperliche Aktivität reduzieren und alltägliche Aufgaben anstrengender machen. Auch Medikamente gegen Schmerzen können zur Müdigkeit beitragen.
Mit der Zeit können sich Schmerzen und Müdigkeit gegenseitig verstärken.
Dies ist am Centre Algos besonders relevant, weil viele Menschen nicht mit einem einzigen isolierten Symptom zu uns kommen. Anhaltende Schmerzen, schlechter Schlaf, weniger Aktivität, Verdauungsbeschwerden und Müdigkeit können gleichzeitig bestehen.
Das Ziel ist nicht, alle diese Beschwerden in eine einzige Erklärung zu zwingen. Entscheidend ist, ihre Wechselwirkungen zu verstehen und zu erkennen, welche Faktoren sinnvoll beeinflusst werden können.
Was ist, wenn die Müdigkeit nach einer Infektion begonnen hat?
Der zeitliche Verlauf ist wichtig.
Müdigkeit kann nach Infektionen anhalten. Postinfektiöse Syndrome gehören deshalb zur Differentialdiagnose, wenn die Beschwerden nach einer akuten Erkrankung begonnen haben.
Long COVID ist ein Beispiel. Müdigkeit, Schlafstörungen, Atemnot, kognitive Schwierigkeiten, Muskel- oder Gelenkschmerzen und eine Verschlechterung nach Aktivität gehören zu den anerkannten Beschwerden einer Post-COVID-Erkrankung.
Es gibt keinen einzelnen Bluttest, mit dem Long COVID diagnostiziert wird.
Deshalb sind Krankengeschichte und Symptomverlauf besonders wichtig.
Achten Sie darauf, was nach Belastung passiert
Nicht jede Müdigkeit sollte einfach mit mehr Bewegung behandelt werden.
Bei vielen Menschen mit gewöhnlicher Dekonditionierung kann eine vorsichtig gesteigerte körperliche Aktivität sinnvoll sein.
Ein anderes Muster muss jedoch erkannt werden: post-exertional malaise, also eine Verschlechterung der Beschwerden nach Belastung.
Dabei verschlechtern sich Symptome unverhältnismässig stark nach körperlicher, kognitiver, emotionaler oder sozialer Aktivität. Diese Verschlechterung kann erst Stunden oder sogar Tage später auftreten, und die Erholung dauert deutlich länger als normalerweise zu erwarten wäre.
Dieses Muster ist ein zentrales Merkmal von ME/CFS und kann auch bei Post-COVID-Erkrankungen auftreten.
Eine Person, die sagt:
«Ich kann die Aktivität machen, aber am nächsten Tag breche ich ein»
muss anders beurteilt werden als jemand, der sich während des Trainings einfach untrainiert fühlt.
Die aktuellen NICE-Empfehlungen raten bei ME/CFS ausdrücklich von Programmen mit festen schrittweisen Steigerungen der körperlichen Aktivität ab, die häufig als Graded Exercise Therapy bezeichnet werden.
Das Erkennen dieses Musters kann die Behandlungsstrategie deshalb wesentlich verändern.
Was ist mit Stress, Angst und Depression?
Psychische und körperliche Gesundheit sollten nicht als konkurrierende Erklärungen betrachtet werden.
Depression, Angst, länger anhaltender Stress und burnoutähnliche Zustände können Müdigkeit, schlechten Schlaf, Konzentrationsprobleme und Energiemangel verstärken.
Gleichzeitig bedeuten normale Blutwerte nicht, dass anhaltende Müdigkeit automatisch als psychisch eingestuft werden sollte.
Fehleinschätzungen sind in beide Richtungen möglich.
Eine Person kann gleichzeitig an Depression und Eisenmangel leiden. Chronische Schmerzen können Schlaf und Stimmung beeinflussen. Die Menopause kann mit erheblichen Belastungen im Leben zusammenfallen. Eine postinfektiöse Erkrankung kann psychische Folgen haben, ohne durch psychische Faktoren verursacht zu sein.
Eine gute Abklärung lässt diese Faktoren nebeneinander bestehen, anstatt alle Beschwerden einer einzigen Kategorie zuzuordnen.
Warum kann Müdigkeit trotz normaler Blutwerte bestehen bleiben?
Routinemässige Abklärung und gezielte Untersuchungen beantworten unterschiedliche Fragen
| Klinische Frage |
Zur ersten Abklärung können gehören |
Eine weiterführende Abklärung kann sinnvoll sein, wenn |
| Könnten Anämie oder Eisenmangel beitragen? |
Blutbild, Ferritin |
Beschwerden, Blutverlust, Entzündung oder andere Befunde eine umfassendere Eisenabklärung rechtfertigen |
| Könnte ein B12-Mangel beitragen? |
Gesamt-B12 oder aktives B12, wenn angezeigt |
Der erste Wert unklar ist oder Risikofaktoren und Symptome eine weitere Klärung rechtfertigen |
| Könnte eine Schilddrüsenerkrankung beitragen? |
TSH, je nach Ergebnis und Kontext mit freiem T4 |
Das klinische Bild oder der Verdacht auf eine sekundäre Schilddrüsenstörung einen anderen Ansatz erfordert |
| Könnte die Glukoseregulation beitragen? |
Glukose und/oder HbA1c |
Beschwerden und metabolische Vorgeschichte weitere Untersuchungen nahelegen |
| Könnte eine Verdauungserkrankung die Nährstoffaufnahme beeinflussen? |
Krankengeschichte, Untersuchung, gezielte Bluttests |
Anhaltende GI-Beschwerden, ungeklärte Mängel oder andere Befunde auf Zöliakie, Entzündung oder Malabsorption hinweisen |
| Könnte der Schlaf die Ursache sein? |
Detaillierte Schlafanamnese |
Schnarchen, beobachtete Apnoen, ausgeprägte Schläfrigkeit oder nicht erholsamer Schlaf eine Schlafabklärung nahelegen |
| Könnte es sich um postinfektiöse Müdigkeit handeln? |
Zeitlicher Verlauf und Symptommuster |
Beschwerden nach einer Infektion anhalten oder sich nach Belastung verschlechtern |
Wie wir anhaltende Müdigkeit am Centre Algos untersuchen
Am Centre Algos betrachten wir anhaltende Müdigkeit als klinisches Problem und nicht nur als Laborproblem.
Wir beginnen mit einer detaillierten Anamnese.
Dazu können gehören:
- wann die Müdigkeit begonnen hat
- wie sich die Müdigkeit genau anfühlt
- ob sie konstant oder wechselnd ist
- Schlafqualität und Tagesschläfrigkeit
- körperliche Aktivität und Erholung
- eine Verschlechterung nach Belastung
- chronische Schmerzen
- Verdauungsbeschwerden
- Ernährung und Nährstoffzufuhr
- Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel
- Menstruation, Perimenopause oder Menopause, wenn relevant
- frühere Infektionen
- bestehende Diagnosen
- bereits durchgeführte Laboruntersuchungen
- relevante Bildgebung und Facharztberichte
Danach bestimmen wir, welche Informationen noch fehlen.
Manchmal sind keine weiteren Laboruntersuchungen erforderlich.
In anderen Fällen kann eine gezielte Blutuntersuchung eine Frage beantworten, die bei der ersten Abklärung noch nicht untersucht wurde.
Wenn Verdauungsbeschwerden oder andere Befunde eine klare Indikation ergeben, können auch gezielte Stuhluntersuchungen berücksichtigt werden.
Der Behandlungsplan richtet sich danach, was wir feststellen.
Je nach individueller Situation kann dies Funktionelle Diagnostik & Mikronährstoffmedizin, Naturheilkunde, Ernährungsanpassungen, die Korrektur nachgewiesener Mängel, Phytotherapie, Massnahmen für Schlaf und Lebensstil, die Behandlung beitragender Schmerzen oder die Koordination mit der geeigneten medizinischen Versorgung umfassen.
Das Ziel besteht nicht darin, um jeden Preis einen abnormalen Laborwert zu finden.
Es geht darum zu verstehen, was zur Müdigkeit beiträgt, und daraus eine passende Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Was geschieht, wenn ein möglicher Faktor gefunden wird?
Das Erkennen eines Mangels oder eines anderen beitragenden Faktors ist der Anfang der nächsten Frage, nicht das Ende der Abklärung.
Wenn Eisen niedrig ist, warum?
Wenn B12 fehlt, liegt es an der Zufuhr oder ist die Aufnahme gestört?
Wenn der Schlaf schlecht ist, wodurch wird er beeinträchtigt?
Wenn eine Erkrankung des Verdauungssystems vermutet wird, was muss untersucht werden?
Wenn sich Beschwerden nach Belastung verschlechtern, sollte die Aktivitätsstrategie angepasst werden?
Wenn ein Medikament beiträgt, kann die verschreibende Ärztin oder der verschreibende Arzt die Behandlung überprüfen?
Hier wird ein individueller Plan hilfreicher als ein allgemeines Müdigkeitsprotokoll.
Wann sollte Müdigkeit medizinisch weiter abgeklärt werden?
Häufige Fragen
Warum bin ich ständig müde, obwohl meine Blutwerte normal sind?
Weil routinemässige Bluttests nur einen Teil der möglichen Ursachen von Müdigkeit untersuchen. Schlafstörungen, postinfektiöse Beschwerden, Medikamenteneffekte, chronische Schmerzen oder eine Verschlechterung nach Belastung können zum Beispiel bestehen, ohne in einem Standardlabor auffällig zu werden. In anderen Situationen stellt sich die Frage, ob der relevante Wert überhaupt untersucht wurde, etwa Ferritin zur Beurteilung der Eisenspeicher.
Kann ich Eisenmangel haben, obwohl mein Hämoglobin normal ist?
Ja. Die Eisenspeicher können sich leeren, bevor das Hämoglobin weit genug absinkt, um die Kriterien einer Anämie zu erfüllen. Ferritin und je nach Situation weitere Eisenmarker helfen dabei, den Eisenstatus zu beurteilen.
Kann Eisenmangel ohne Anämie Müdigkeit verursachen?
Ja. Randomisierte Studien und eine systematische Übersichtsarbeit fanden eine Verringerung der subjektiv empfundenen Müdigkeit nach Eisenbehandlung bei Menschen mit Eisenmangel ohne Anämie. Vor einer Supplementierung sollte der Eisenstatus jedoch korrekt beurteilt und die Ursache eines Mangels untersucht werden.
Kann ein Vitamin-B12-Mangel bestehen, obwohl keine Anämie vorliegt?
Ja. Ein Vitamin-B12-Mangel sollte nicht allein deshalb ausgeschlossen werden, weil keine Anämie oder Makrozytose vorhanden ist. Wenn Symptome und Risikofaktoren dazu passen, sind eine B12-Bestimmung und gegebenenfalls weitere Untersuchungen sinnvoll.
Welche Blutwerte sollte man bei anhaltender Müdigkeit untersuchen?
Es gibt kein allgemeingültiges Laborprofil. Je nach Vorgeschichte können zum ersten Labor ein Blutbild, Eisenstatus, Schilddrüsenfunktion, Glukose oder HbA1c, Nieren- und Leberfunktion, Entzündungsmarker sowie B12 oder Folat gehören. Weitere Untersuchungen sollten sich nach der konkreten klinischen Fragestellung richten.
Kann Schlafapnoe Müdigkeit verursachen, obwohl die Blutwerte normal sind?
Ja. Schlafapnoe kann nicht erholsamen Schlaf, Tagesschläfrigkeit, Müdigkeit, morgendliche Kopfschmerzen und kognitive Beschwerden verursachen. Sie wird nicht durch einen routinemässigen Bluttest diagnostiziert.
Können Verdauungsprobleme Müdigkeit verursachen?
Ja, insbesondere wenn eine Erkrankung des Verdauungssystems die Nährstoffaufnahme beeinträchtigt oder Entzündungen verursacht. Beispiele sind Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, chronischer Durchfall und bestimmte Formen der Malabsorption.
Braucht jede Person mit ungeklärter Müdigkeit eine Stuhluntersuchung?
Nein. Stuhluntersuchungen sind vor allem dann sinnvoll, wenn eine konkrete gastrointestinale Frage besteht. Fäkales Calprotectin kann beispielsweise in einem passenden klinischen Kontext bei der Abklärung einer möglichen Darmentzündung helfen. Es ist kein allgemeiner Test für Müdigkeit.
Was ist Post-Exertional Malaise?
Post-Exertional Malaise bezeichnet eine unverhältnismässige Verschlechterung der Beschwerden nach Aktivität. Die Verschlechterung kann verzögert auftreten und die Erholung kann mehrere Tage oder länger dauern. Dieses Muster ist bei ME/CFS wichtig und kann auch bei Post-COVID-Erkrankungen auftreten.
Sollte ich Sport treiben, wenn ich ständig müde bin?
Das hängt von der Ursache und vom Muster der Müdigkeit ab. Eine schrittweise körperliche Aktivität kann in vielen Situationen hilfreich sein. Bei klarer Post-Exertional Malaise sollte eine Person jedoch nicht einfach dazu aufgefordert werden, sich durch die Beschwerden hindurch zu belasten oder einem festen Steigerungsprogramm zu folgen. Zuerst muss das Muster erkannt werden.
Kann Stress Müdigkeit verursachen, auch wenn zusätzlich ein körperliches Problem besteht?
Ja. Psychische und körperliche Faktoren treten häufig gleichzeitig auf. Stress, Angst oder Depression schliessen Eisenmangel, Schlafprobleme, chronische Schmerzen, hormonelle Veränderungen oder andere medizinische Faktoren nicht aus.
Wann sollte anhaltende Müdigkeit weiter untersucht werden?
Eine weitergehende Abklärung ist sinnvoll, wenn die Müdigkeit anhält, sich verschlechtert, den Alltag deutlich beeinträchtigt, eine Veränderung gegenüber dem bisherigen Zustand darstellt oder mit weiteren Beschwerden einhergeht. Die nächsten Untersuchungen sollten sich nach dem Symptommuster und den bereits erfolgten Abklärungen richten.
Eine hilfreichere Frage als «Sind meine Blutwerte normal?»
Wenn Sie trotz normaler Blutwerte weiterhin erschöpft sind, lautet die hilfreichste Frage oft nicht:
«Was können wir noch alles testen?»
Sondern:
«Was wurde bereits untersucht, was sagt das Muster meiner Müdigkeit aus und welche Frage sollten wir als Nächstes beantworten?»
Manchmal liegt die Antwort in einem Laborwert, der genauer untersucht werden sollte.
Manchmal liegt sie beim Schlaf, bei Medikamenten, Schmerzen, der Verdauung, hormonellen Veränderungen oder der Erholung nach einer Infektion.
Und manchmal ist der wichtigste Hinweis nicht der Blutwert, sondern das, was nach körperlicher oder geistiger Aktivität passiert.
Am Centre Algos bringen wir diese Informationen zusammen und setzen weitere Untersuchungen dann ein, wenn sie eine konkrete klinische Frage beantworten können.
So können wir über die Aussage «alles normal» hinausgehen und besser verstehen, was tatsächlich zur Müdigkeit beiträgt.
Quellen und weiterführende Literatur
Weiterlesen
Immer noch müde trotz normaler Blutwerte?
Wenn anhaltende Müdigkeit Ihren Alltag beeinträchtigt, können wir bei einer Konsultation am Centre Algos gemeinsam prüfen, was bereits untersucht wurde, das Muster Ihrer Beschwerden verstehen und entscheiden, ob weitere Abklärungen oder gezielte Untersuchungen sinnvoll sind.
Anschliessend entwickeln wir den Behandlungsplan gemeinsam auf Grundlage der gewonnenen Informationen.
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