Kommt der Schmerz von einem Nerv?

Diese Frage stellen sich viele Patienten, ohne ihre Beschwerden immer genau in Worte fassen zu können. Schmerzen, die brennen, sich wie elektrische Schläge anfühlen oder mit Taubheitsgefühlen verbunden sind, fühlen sich anders an als typische Muskel- oder Gelenkschmerzen. Und tatsächlich liegt ihnen ein anderer Mechanismus zugrunde.

Was sind neuropathische Schmerzen?

Neuropathische Schmerzen entstehen im Zusammenhang mit einer Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems. Betroffen sein kann ein peripherer Nerv, beispielsweise in einem Arm, einem Bein oder im Rücken, oder seltener eine Struktur des zentralen Nervensystems wie das Rückenmark oder das Gehirn.

Dies unterscheidet sich von der Sensibilisierung des Nervensystems, die im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen allgemein beschrieben wird. Bei einer Sensibilisierung kann das Nervensystem reaktionsbereiter werden, ohne dass zwingend eine erkennbare Läsion vorliegen muss.

Neuropathische Schmerzen sind dagegen mit einer Läsion oder Erkrankung des peripheren oder zentralen somatosensorischen Nervensystems verbunden. Je nach Situation kann diese durch die Krankengeschichte, die klinische Untersuchung oder zusätzliche Untersuchungen festgestellt werden. Klassische Beispiele sind Schmerzen, die nach einer Gürtelrose bestehen bleiben, oder Schmerzen im Zusammenhang mit einem komprimierten Nerv.

Empfindungen, die Hinweise geben können

Neuropathische Schmerzen haben häufig einen charakteristischen Ausdruck: Brennen, elektrische Schmerzattacken, Kribbeln oder Ameisenlaufen und manchmal Taubheitsgefühle.

Diese Kombination kann widersprüchlich erscheinen, etwa wenn sich eine Stelle gleichzeitig taub und schmerzhaft anfühlt. Sie lässt sich dadurch erklären, dass die Nervenfasern selbst veränderte Signale übertragen und der Schmerz nicht zwingend von geschädigtem Gewebe genau an der Stelle ausgeht, an der er wahrgenommen wird.

Warum sogar Kleidung schmerzen kann

Bei manchen Menschen wird eine betroffene Region so empfindlich, dass normalerweise harmlose Berührungen, etwa durch Kleidung, ein Bettlaken oder leichtes Streichen über die Haut, Schmerzen auslösen.

Dieses Phänomen wird Allodynie genannt. Es zeigt einen wichtigen Unterschied zu typischen Schmerzen: Nicht unbedingt die Stärke der Berührung ist entscheidend, sondern die Art, wie das Nervensystem diesen Reiz verarbeitet.

Zwei unterschiedliche Mechanismen

Nozizeptive Schmerzen, die häufigere Form, entstehen durch die Wahrnehmung einer tatsächlichen oder möglichen Gewebeschädigung, beispielsweise in einem Muskel oder Gelenk. Spezialisierte Rezeptoren übertragen diese Information über ein normal funktionierendes Nervensystem.

Neuropathische Schmerzen entstehen dagegen durch eine Störung des somatosensorischen Nervensystems selbst.

Beide Mechanismen können gleichzeitig vorkommen, und anhaltende Schmerzen können sowohl nozizeptive als auch neuropathische Komponenten enthalten.

Was die Lokalisation verrät und was nicht

Die betroffene Region und die Art, wie die Schmerzen beschrieben werden, können wichtige Hinweise geben. Schmerzen entlang eines bestimmten Verlaufs oder Symptome, die dem Versorgungsgebiet eines bestimmten Nervs entsprechen, können auf eine neuropathische Ursache hinweisen.

Solche Hinweise ersetzen jedoch keine Untersuchung.

Die Diagnose neuropathischer Schmerzen basiert in erster Linie auf der Anamnese und der klinischen Untersuchung, nicht darauf, Symptome selbst mit einer Checkliste abzugleichen. Verschiedene Erkrankungen können ähnliche Empfindungen verursachen. Die zugrunde liegende Ursache zu erkennen ist wichtig, weil sie beeinflusst, welche weitere Vorgehensweise sinnvoll ist.

Wie ich Schmerzen mit möglicher Nervenbeteiligung beurteile

Wenn die beschriebenen Symptome auf eine neuropathische Komponente hinweisen, untersuche ich zunächst den genauen Charakter der Schmerzen, ihre Entwicklung und Lokalisation sowie Bewegungen oder Positionen, die sie auslösen oder verändern.

Auch die Dauer der Beschwerden und die Ereignisse vor ihrem Beginn helfen dabei, die nächsten Schritte einzuordnen.

Je nach Situation kann eine zusätzliche medizinische Abklärung erforderlich sein, bevor eine Behandlung in Betracht gezogen wird.

Wann eine rasche medizinische Abklärung notwendig ist

Neuropathisch wirkende Schmerzen sollten medizinisch abgeklärt werden. Bestimmte Anzeichen erfordern jedoch eine raschere Beurteilung.

Dazu gehören eine neu auftretende oder zunehmende Muskelschwäche zusammen mit ungewöhnlichen Empfindungen, ein Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm oder neurologische Symptome, die plötzlich auftreten und sich rasch verschlechtern.

In solchen Situationen sollte die medizinische Abklärung nicht aufgeschoben werden, um zunächst die weitere Entwicklung abzuwarten.

Quellen und weiterführende Informationen

Diese Quellen bieten weiterführende Informationen zu den beschriebenen Symptomen und zum diagnostischen Vorgehen.

Häufig gestellte Fragen

Bedeutet Taubheit zusammen mit Schmerzen immer neuropathische Schmerzen?

Nicht unbedingt. Diese Kombination sollte jedoch abgeklärt werden. Auch andere Ursachen können ähnliche Empfindungen hervorrufen, und eine Untersuchung hilft bei der Unterscheidung.

Verschwinden neuropathische Schmerzen mit der Zeit?

Das hängt vollständig von der Ursache ab. Manche Formen bessern sich, wenn die zugrunde liegende Ursache behandelt wird. Andere können chronisch werden und eine längerfristige Betreuung erfordern.

Ist eine Bildgebung notwendig, um neuropathische Schmerzen zu diagnostizieren?

Nicht immer. Die Abklärung beginnt mit der Anamnese und der klinischen Untersuchung. Je nach Befund können bildgebende oder andere zusätzliche Untersuchungen sinnvoll sein.

Kann Stress neuropathische Schmerzen verstärken?

Stress kann beeinflussen, wie Schmerzen wahrgenommen und erlebt werden, ohne selbst deren Ursache zu sein. Das ist kein Grund, tatsächlich vorhandene neuropathische Schmerzen zu bagatellisieren.

Was passiert in Ihrem konkreten Fall?

Dieser Artikel beschreibt allgemeine Mechanismen. Um den genauen Ursprung Ihrer Schmerzen zu bestimmen, braucht es eine Untersuchung und ein persönliches Gespräch statt einer allgemeinen Antwort.

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